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Wir hatten für einige Tage an der Nordwand des Kailash unser Camp aufgeschlagen, um uns für den anstrengenden Aufstieg
zum Dölma La nochmals zu akklimatisieren. Unser Lager lag unterhalb des Dirapuk Klosters und wir hatten einen einmaligen Blick auf den Kailash.
Es war der 26. Mai 2004. Ein herrlicher Tag erwartete uns. In der Nacht hatte es leicht geschneit und die Luft wirkte besonders klar. Ein Teil unserer Mannschaft wollte heute Morgen zur Nordwand aufbrechen. Ich war bereits einige Stunden zuvor
aufgestiegen, um die unberührte Natur zu genießen.Als ich aufgebrochen war, machte ich mir darüber Gedanken, wie nahe
man sich dem Kailash wohl nähern dürfe, da es sich ja um einen besonders heiligen Berg handelt und noch keine
menschliche Gestalt auf seinen Gipfel war. Nach dem Glauben der Hindus wohnt auf dem Gipfel der Lord Shiva mit seiner
Gattin Parvati.Ich kletterte also los. Zunächst überquerte ich einen vereisten Fluß, durchquerte zwei kleine Täler und lief über
frisch verschneite Schneebretter und kleine Gletscher immer steil bergauf und hinter einer kleinen Schneewehe war der Kailash in greifbarer Nähe.Welch ein majestätischer Anblick in der Morgensonne.
Plötzlich hörte ich ein lautes Grummeln und als ich nach oben schaute, sah ich, wie einige große Felsbrocken auf mich zu rollten. Unmittelbar vor mir änderten die Felsbrocken ihre Richtung und rollten mit lautem Geräusch an mir vorbei. Diese
Warnung hatte ich verstanden. Ich war zu nahe an der Wohnstätte Lord Shivas angelangt und er zeigte mir, wer der Herr im
Hause ist. Ich zog mich sofort zurück und opferte in sicherer Entfernung eine Kata und murmelte einige Mantras. Dabei glitten
die Perlen meiner Mala durch die Finger. Kurze Zeit später, traf ich Roland aus unserer Mannschaft, ein guter und erfahrener Bergsteiger, der hinter mir
aufgestiegen war. Ich erzählte ihm von meinem Erlebnis und von der Macht des Lord Shiva. Unbeirrt ging er jedoch weiter, obwohl Shiva wieder einige
Felsbrocken in unsere Richtung schleuderte, die uns wiederum nur knapp verfehlten. Ich trat nun eilig den Rückzug an und erreichte am frühen Nachmittag das
Lager. Die anderen trudelten auch allmählich ein. Nur Roland war noch am Berg. Allmählich machten wir uns Sorgen, da es schon dämmerte. Mit unseren
Ferngläsern suchten wir die Umgebung ab und siehe da, wir erblickten voller Freuden unseren Kameraden Roland. Einige Zeit später erreichte er auch
unbeschadet das Lager. Voller Stolz erzählte uns Roland, dass er über ein ca. 150 cm tiefes Schneegebiet den Kailash erreicht und ihn auch berührt habe. Er
habe sich sogar seine Schulter am Kailash gerieben, da diese ihm juckte.
Wir sahen uns verständnislos an und machten uns unsere Gedanken. Durfte ein menschliches Wesen derart den Kailash beleidigen? Am nächsten Morgen ging
es weiter. Am Abend hatten wir Dölma La hinter uns gelassen und unser Lager in einer weiten Ebene aufgeschlagen. Beim Abendessen war Roland sehr
aufgebracht. Er schimpfte über die ganze Tour und über das schlechte Essen. Er schimpfte über Gott und die Welt und war dabei sehr aufgebracht. Er sagte,
daß er nur noch nach Hause wolle und sich für Tibet und den Kailash nicht mehr interessieren würde. Alles sei nur eine Schnapsidee gewesen. Auch seine teure
Anschlußreise zum Saga Dawa Festival und die Weiterfahrt nach Lhasa sagte er ab. Für ihn war die Reise abgeschlossen und er wollte schnellstens nach
Deutschland zurück. Wer hatte da nur seine Hände im Spiel? War es vielleicht Lord Shiva? Hatte er sich für das schlechte Benehmen von Roland gerächt? Auf einige Fragen gibt es keine Antworten.
Und da war doch noch etwas!
Roland hatte sich später am Manasarovar See dermaßen die Schulter verletzt, daß er vor lauter Schmerzen nachts nicht Schlafen konnte. War es vielleicht dieselbe Schulter, die er sich am Kailash gerieben hatte?
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